Der Workshop „Welcher Biodiversitätstyp bin ich?“ fand im Rahmen des Symposiums „Biodiversität denken. Vom Verstehen verschiedener Perspektiven zum gemeinsamen Gestalten“ statt, das am 14. November 2025 im Projekt „BioDivHubs – Biodiversität ins Quartier“ am Ökologischen Bildungszentrum München durchgeführt wurde.
Unter der Leitung von Ulrike Sturm und Susan Karlebowski erkundeten wir, wie unterschiedliche „Gärtner*innen-Typen“ unsere Beziehung zur Stadtnatur und Biodiversität – insbesondere zu Gärten und gärtnerischer Praxis – widerspiegeln und wie diese Typen charakterisiert, kommuniziert und reflektiert werden können. Ausgangspunkt war eine Studie des ISOE Frankfurt, die fünf Gärtnerinnentypen beschreibt, die verschiedene Lebensstile, Einstellungen, Naturbezüge und Gartenpraktiken bündeln und damit einen breiten Zugang zu kulturellen, sozialen und persönlichen Dimensionen des Mensch-Natur-Verhältnisses sowie zur Vielfalt gärtnerischer Ausdrucks-, Nutzungs- und Gestaltungsformen eröffnen.
Mithilfe kreativer Schreibmethoden dachten wir diese Typen weiter und entwickelten – im Stil klassischer Horoskope – „Gärtnerinnenhoroskope“ für das Jahr 2026. Die Horoskope sollten Leserinnen spielerisch darauf aufmerksam machen, wie sich für sie ein stärker biodiversitätsorientiertes und gemeinschaftliches Gärtnern entwickeln könnte. Bevor wir jedoch an die Abfassung der Horoskope gingen, stand die Selbsterfahrung im Mittelpunkt. Im ersten Schritt ordneten wir uns selbst einem Gärtnertyp zu. Dabei wurde schnell deutlich, dass viele Teilnehmende sich nicht eindeutig einem einzigen Typ zuordnen wollten. Es entstanden Mischformen, analog zu astrologischen Aszendenten – etwa „Familiengärtnerin, Aszendent Lebensraum-schafferin“. Diese Erweiterung ermöglichte feinere Differenzierungen individueller Ausprägungen und Übergänge.
Im zweiten Schritt verfasste jede Zweiergruppe den ersten Teil eines Horoskops mit einer Charakterisierung von Persönlichkeitsmerkmalen unter Berücksichtigung von Biodiversität und gemeinschaftsgärtnerischen Aspekten. Auf dieser Grundlage entwickelte eine jeweils andere Gruppe ein Horoskop für das kommende Jahr – ein Text, der typische Merkmale, potenzielle Erlebnisse, Herausforderungen und Veränderungspotenziale des jeweiligen Typs im Stil astrologischer Horoskope aufgriff. Durch dieses wechselseitig aufeinander bezogene Schreiben ergaben sich zusätzliche Perspektivenwechsel und neue Sichtweisen auf die Typen.
Die Arbeitsweise erwies sich als überraschend wirkungsvoll: Die humorvolle, leichte, empathische und zuversichtliche Sprache der Textgattung Horoskop – selbst dort, wo sie „Schicksalsschläge“, kritische Erlebnisse, Herausforderungen oder neue Entwicklungen andeutet – öffnete einen Raum für entspannten und neugierigen Austausch. Die Atmosphäre war locker und kooperativ; es wurde möglich, sich auch solchen Typen anzunähern, die vom eigenen Selbstbild weit entfernt lagen. Der Ansatz war bewusst konfliktarm, entwicklungsoffen und bot einen achtsamen Rahmen, in dem Unterschiede ohne Bewertung besprechbar wurden – eine niedrigschwellige, experimentelle Form der Perspektivenübernahme.
Gerade die Kombination aus Rollenmetapher und Horoskopstil entfaltete interessante Inspirationen und einen neuen Blick auf den transformativen Charakter von Selbstbeschreibung und Selbstreflexion. Statt starre Kategorien zu verfestigen, lud sie dazu ein, Zuschreibungen flexibel zu halten und darüber nachzudenken, wie kleine Veränderungen im Erleben, Deuten und Tun möglich wären, um Merkmale anderer Typen in die eigene gärtnerische Praxis aufzunehmen oder sich gar von einem Typ in einen anderen hineinzuentwickeln. Biodiversität wurde dadurch erfahrbar als etwas, das nicht nur ökologisch, sondern auch alltagsbezogen, persönlich und gemeinschaftlich eingebettet ist – und als etwas, bei dem kleine Ereignisse oder Irritationen den Anstoß zu bedeutsamen Veränderungen im Bewusstsein, Erleben und Handeln geben können.
Der Workshop zeigte deutlich, dass dieser Ansatz eine gelassene Stimmung schaffen konnte, in der Unterschiede, Spannungen und Veränderungsziele offen angesprochen, reflektiert sowie mögliche kleine und große Veränderungsschritte erkundet werden konnten. Er eignet sich damit hervorragend als Einstieg in eine partizipative, kooperative und lösungsorientierte Auseinandersetzung mit Spannungs-, Konflikt- und Entwicklungsfeldern im Bereich des Biodiversitätsschutzes sowie des gemeinschaftlichen Gärtnerns im öffentlichen Raum.
Michael Hebenstreit, November 2025
Stein, M., Sattlegger, L. & Freudenberg, J. (2023). Insektenfreundliches Gärtnern bei verschiedenen Typen von Gärtnerinnen: Eine sozialwissenschaftliche und linguistische Analyse (ISOE-Materialien Soziale Ökologie MSÖ 73). Frankfurt a. M.: Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE).